Tina Neugebauer

Sebastian Kunz

Rechtsanwalt | Fachanwalt für Arbeitsrecht
geb. 1984 - gest. 2017
 


Rechtsanwalt Sebastian Kunz ist im Alter von erst 33 Jahren plötzlich und unerwartet am 05.11.2017 gestorben. Rechtsanwalt Kunz war zunächst als Referendar und im Anschluß später als Rechtsanwalt, zuletzt mit der Zusatzqualifikation Fachanwalt für Arbeitsrecht, in der Kanzlei Stähle tätig. Mit ihm verliert die Kanzleieinen guten Juristen und engagierten Rechtsanwalt. Er beriet unsere Mandanten umfassend in allen Fragen des Arbeitsrechts, vertrat sie mit großem Erfolg vor dem Arbeitsgericht und gegenüber ihren jeweiligen Arbeitgebern. Es war ihm ein Anliegen auch Marginalisierten in unserer Gesellschaft eine Stimme zu verleihen und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Wir verlieren mit Rechtsanwalt Sebastian Kunz einen engagierten Kollegen, guten Freund und hervorragenden Vorgesetzten. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.


 










 





Rede auf der Trauerfeier für Rechtsanwalt Sebastian Kunz am 15.11.2017
von Rechtsanwalt Klaus Stähle
 

Liebe Familie Kunz,
liebe Freunde von Sebastian

Mir fällt es schwer, aus diesem traurigen Anlass hier zu Ihnen zu sprechen. Wir alle kennen Sebastian als einen liebenswerten, einzigartigen Menschen, aber vielleicht nicht alle kennen und wissen was er als Anwalt so gemacht hat, so dass ich aus meiner Sicht Ihnen dazu etwas berichten will.

Sebastian habe ich auf der Einweihungsparty meines Sohnes kennengelernt. Er studierte Jura. Ich erfuhr, dass er seinen Schwerpunkt im Arbeitsrecht hat und erzählte ihm von meiner arbeitsrechtlich ausgerichteten Kanzlei und der Art der dort vertretenen Mandate. Ich hatte offensichtlich sein Interesse geweckt und er meldete sich als Referendar und war von Anfang an engagiert mit den von uns in der Kanzlei bearbeiteten Fällen befasst. Nach seinem Referendariat wurde er Rechtsanwalt und zeichnete sich, wie schon zuvor als Referendar, aus, durch seine gründliche und genaue Arbeit, seine auch scharfe Argumentation, stringente Beweisführung aber zugleich auch Sachlichkeit und die Empathie, die er gegenüber unseren Mandanten zum Ausdruck brachte.

Er war von Anfang an für mich das glatte Gegenteil so vieler Juristen die überheblich sind, ein übersteigertes Selbstbewusstsein haben, eitel und von keinem Selbstzweifel gerührt sind.

All dies war Sebastian nicht.

Er wusste, dass erfolgreiche Klagen und schwierige Schriftsätze nicht durch Inspiration und Eingebung entstehen, sondern durch genaue Recherche, gründliche rechtliche Prüfung und der Erfolg nur durch Fleiß erreicht wird.

Sebastian hatte ein umfassendes Allgemeinwissen, über viele Aspekte unseres politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens, war bestens informiert und konnte so die Lebenssachverhalte, die unsere Mandanten uns präsentieren, nicht nur rechtlich, sondern auch politisch und sozial einordnen.

Ich habe ihn deshalb von Anfang an nicht nur wegen seiner juristischen Fähigkeiten geschätzt, sondern deshalb, weil er seine fundierten Rechtskenntnisse mit der sozialpolitischen Wirklichkeit hervorragend zu verbinden wusste.

Unvergessen und vermutlich fast allen hier bekannt ist sein Einsatz für die rumänischen Wanderarbeiter, die bei dem Großprojekt „Mall of Berlin“ oder sollten wir das Projekt nicht besser bei seinem wahren Namen nennen „Mall of Shame“, um ihren Lohn betrogen wurden. Sebastian setzte sich mit Vehemenz dafür ein, dass diese Wanderarbeiter zu ihrem Recht kamen.

Es waren aber nicht einfach nur Lohnklagen, sondern man musste, ohne dass hier schriftlich irgendetwas belegt werden konnte, zunächst einmal auch bewiesen werden, dass überhaupt ein Arbeitsvertrag zustande gekommen ist, mit wem der Vertrag denn geschlossen wurde, wer dabei war und wie viel Stunden an welchen Tagen genau gearbeitet wurde. All dies gelang nur mit Hilfe von Dolmetschern und war in der Folge auch schwierig, da diese prekär Beschäftigten häufig ohne festen Wohnsitz, heute in Berlin, morgen in London und dann wieder in Rumänien, weilen.

Sebastian hat sich durch die Klagen für die rumänischen Wanderarbeiter nicht nur bei den Richtern des Arbeitsgerichts Berlin, sondern auch jenen des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg viel Respekt verschafft. Die Medien berichteten, nicht nur die taz oder Neues Deutschland, sondern auch die bürgerliche Presse, der rbb interviewte Sebastian mehrfach, Zeitschriften wie beispielsweise Cicero schrieben Artikel über die „Mall of Shame“, Herrn Huth und interviewten Sebastian.

Solche Prozesse sind nicht nur juristische Herausforderungen, sondern auch ein politischer Kampf. Sebastian war sich immer dieses doppelten Moments bewusst und traf als Rechtsanwalt im politischen Umfeld den richtigen Ton.

Den politischen Teil dieser Arbeit, beim Kampf für die rumänischen Wanderarbeiter und ihren gerechten Lohn, organisierte nicht etwa die IG-Bau oder ver.di, sondern die Anarcho-Syndikalistische Gewerkschaft FAU, die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union. Sebastian war konsequent und wurde alsbald Mitglied in der FAU. Er unterstützte deren Basisarbeit durch Schulungen und vertrat im Laufe der Jahre viele deren Gewerkschaftsmitglieder, aber auch die Gewerkschaft selbst, etwa als sie von Herrn Huth auf Unterlassung verklagt wurde. Er verhalf oft Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen zu ihrem Recht.

Ohne Pathos: Sebastian war die richtige und gerechte Sache zu vertreten wichtiger als der eine oder andere Euro, den man sonst hätte mehr verdienen können. Auch die Bescheidenheit von Sebastian verdient unser aller Respekt.

Die FAU veröffentlichte einen Nachruf für Sebastian, den ich hier auszugsweise zitieren und verlesen möchte: 

„Sebastians Mammutprojekt war die Betreuung der gut ein Dutzend Prozesse gegen die Mall of Shame, wo er uns wichtige Siege vor Gericht einbrachte. Sebastian war in unserem gewerkschaftlichen Alltag schlicht eine feste Größe als unser Anwalt. Unsere Anteilnahme gilt seinen FreundInnen, KollegInnen und seiner Familie.

 

Gespräche mit Sebastian waren fast immer von Humor und Leichtigkeit geprägt, die sich sehr von seiner juristischen Analyse und Nüchternheit in der Sache abhob. In Diskussionen war er offen und interessiert. Da Sebastian uns immer eine Tür offen hielt, konnte wir ihn auch außerhalb seiner Bürozeiten zu juristischen Fragen und strategischen Überlegungen konsultieren. Seine juristische Unterstützung hat vielen von uns geholfen, aber auch die privaten Gespräche mit ihm bei Terminen oder an jenen Samstagen, die er damit verbrachte, uns juristisch fortzubilden, werden uns sehr fehlen. Obwohl ihn die meisten als unseren Anwalt kannten, war er auch immer unser Genosse.

 

Sebastian ist tief verwurzelt mit der jüngeren Geschichte der FAU Berlin und spielte in ihr eine wichtige, zentrale Rolle. Wir sind ihm für sein Engagement zutiefst in Dankbarkeit verbunden.

 

Sebastian, wir werden dich als unseren Anwalt und als den offenen Menschen, der du warst, vermissen.“

Gerade einmal vier Jahre war es Sebastian vergönnt als Anwalt tätig zu sein. Sebastian war nicht nur einfach Rechtsanwalt, sondern er war schon berechtigt die Zusatzbezeichnung Fachanwalt für Arbeitsrecht zu führen. Klar kamen jetzt auch lukrativere Mandate, spannende Beschlussverfahren und jetzt gerade begann er die Früchte seiner ersten harten Jahre zu ernten, nicht zuletzt auch den Lohn für die Mühen des Fachanwaltslehrgangs, die in der Regel Donnertags bis Sonntags stattfanden, das Lernen, die Prüfungen und Klausuren, die nunmehr hinter ihm lagen. Nun der jähe Tod.

In der Kanzlei Stähle hinterlässt sein Tod eine große Lücke; sein Tod erfüllt uns mit Trauer, Schmerz über den Verlust eines hochgeschätzten Kollegen, eines lieben Freundes und tollen Vorgesetzten. Wir hatten noch viel vor.

Wir werden das Andenken an Sebastian ehren und bewahren.

Ich, wir, danken dir Sebastian, dass du mit uns zusammen gearbeitet, gekämpft, gestritten, manchmal auch verloren, ja und auch gerne gefeiert hast.

Wir verneigen uns vor dir.

Unsere Anteilnahme gilt deiner Familie.


gez. Klaus Stähle

Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

 


  Klaus Stähle